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Gesellschaft

Hey, Du. Ich bin’s, der Populist Deines Vertrauens!

Alles und jeder ist zu jeder Zeit in Gefahr. Du weißt das, ich habe es Dir schließlich erzählt.

Ich duze Dich wieder. Du kennst das ja schon. Da musst Du durch. Mir ist das doch eh alles egal. Ich mach hier nur meinen Job als Artikel, spul mein Programm runter und in drei Minuten hast Du mich vergessen. Wenn du überhaupt solange durchhältst.

Bist Du zugänglich für Populisten? Ganz bestimmt bist du das. Jeder Mensch ist in seinem Inneren ein Angsthase und zugänglich für eine bestimmte Form der Angstmacherei. Deshalb fühlt man sich einer Person verbunden oder läuft ihr sogar hinterher, wenn sie einem nur verspricht, diese bestimmte Angst zu nehmen und die eigene soziale Situation somit zu verbessern.

Die Apokalypse hat verschiedene Geschmackssorten und verkauft sich wie geschnitten Brot. Welche Sorte ziehst Du dir rein? Flüchtlinge, Krieg in Syrien, Terrorismus oder Lackschaden an Deinem Neuwagen?

Versicherungsvertreter können davon ein Lied singen. Bist Du einer von denen?! Dann weißt Du, wie es läuft. Deine Zunft lebt schließlich sehr gut von der Angst. Alles und jeder ist zu jeder Zeit in Gefahr und will beschützt werden. Hausrat, Haftpflicht, Unfall oder Tod – mit einer Versicherung lebt und stirbt es sich viel sicherer, nicht wahr?!

Bereits an der ersten Wegbiegung des Lebens droht der Super-GAU. Das liest sich auf den Seiten von Versicherungs- und Finanzportalen etwa so: „Kaum ist das Baby auf der Welt, fragen sich die Eltern: Müssen wir das Kleine versichern?“

Wenn das nicht reicht, wird nachgelegt: „Was passiert mit dem Neugeborenen, wenn ein Familienmitglied schwer erkrankt oder stirbt?“

Tja, das miese Gewissen ist geweckt, die soziale Isolation schonungslos offengelegt, jetzt muss nur noch der finanzielle Untergang beschrieben werden: „Damit die Familie nicht als Sozialfall endet, …“

So wird verkauft! Große Probleme beschreiben, viel Angst verbreiten und einfache Lösungen anbieten: Das ist Populismus.

Da steht ja nicht: „Hurra, ihr seid Mama und Papa. Freut euch darüber und macht Party! Eure Freunde und Eltern passen solange auf das Kind auf.“ Nein, nein. Da steht übersetzt: „Alarm! Alarm! Ihr habt ein Kind. Dieses Kind bedeutet Schwierigkeiten. Ihr seid alleine. Euer Wohlstand ist gefährdet.“

Der Vertragsabschluss sollte an dieser Stelle ein Selbstläufer sein und die Provision ist im Sack. Der Abschluss der Police zeugt in der durchkapitalisierten Gesellschaft von Verantwortungsbewusstsein, nicht aber Tugenden wie Achtsamkeit, Rücksichtnahme und die Bereitschaft zur gegenseitigen Hilfe.

Du hast hoffentlich Deinen Tod versichert, oder? Erst derjenige, der eine Sterbeversicherung sein Eigen nennen kann, hat die höchste Form kapitalistischer Absolution erreicht. Der Sprung in die Grube erfolgt mit dem wohligen Gefühl, dass die Beerdigung bezahlt ist. Es heißt nicht mehr „Nach mir die Sintflut“, sondern „Nach mir die Versicherung“.

Die Politik betreibt das gleiche Spielchen. Du weißt das auch. Das Business nennt sich Populismus: Dem Wahlvolk Angst einjagen und selbst die Lösung sein wollen. Die Angebotspalette ist dabei vielfältiger, als es Versicherungen je sein könnten. Die einzige Frage, die wirklich interessiert: Welchem Populisten wird auf den Leim gegangen?

Wen nimmst Du? Den Lobbyisten der Pharmaindustrie, der seiner eigenen Mutter nicht beistehen würde? Den Hüter der Abgasbetrüger, der das Recht behindert? Die gefakte Jeanne d’Arc aus dem Dunstkreis des Großkapitals, das die armen Menschen verachtet? Ein Groupie der Pflanzen-, Tier- und Menschenvergiftungscombo, das sich für etwas weniger Gift auf den Feldern einsetzt? Oder einen dieser Edellinken, die den Kapitalismus reformieren wollen? Wer hat Dir am meisten Angst gemacht und Dir gleich die Lösung unter die Nase gerieben? Los, sag mal … Du darfst auch AfD, FDP oder SPD sagen. Da ist kein Unterschied.

Keiner folgt gerne demjenigen, der den süßen Wein der Wahrheit ausschenkt: Du brauchst keine Angst zu haben. Als Gemeinschaft können die Menschen alles lösen. Dafür müssen sie lernen, die Angst wegzuwerfen und die Populisten gleich hinterher. Diese Leute lösen nämlich gar nichts. Sie sind Teil des Problems, weil sie von der Spaltung leben. Lass das mal sacken …

Jetzt aber genug. Mein Job ist schon lange erledigt, und ich bin müde. Wenn Du noch etwas wissen willst, Du weißt, wo Du mich findest. Aber Du kommst von ganz alleine zu den richtigen Antworten. Einfach nur durch Nachdenken. Ganz bestimmt sogar.

PS: Ich habe übrigens keine Versicherung. Ich bin eben nur ein unscheinbarer Artikel, der keine Angst kennt.


Foto: Braydon Anderson (Unsplash.com)

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2 Antworten auf „Hey, Du. Ich bin’s, der Populist Deines Vertrauens!“

„Hey, Du. Ich bin’s, der Populist Deines Vertrauens!“ ist der Titel des Beitrags vom 22. April 2018 in der „Neuen Debatte“:

…“So wird verkauft! Große Probleme beschreiben, viel Angst verbreiten und einfache Lösungen anbieten: Das ist Populismus. Die einzige Frage, die wirklich interessiert: Welchem Populisten wird auf den Leim gegangen? Wen nimmst Du? Den Lobbyisten der Pharmaindustrie, der seiner eigenen Mutter nicht beistehen würde? Den Hüter der Abgasbetrüger, der das Recht behindert? Die gefakte Jeanne d’Arc aus dem Dunstkreis des Großkapitals, das die armen Menschen verachtet? Ein Groupie der Pflanzen-, Tier- und Menschenvergiftungscombo, das sich für etwas weniger Gift auf den Feldern einsetzt? Oder einen dieser Edellinken, die den Kapitalismus reformieren wollen? Wer hat Dir am meisten Angst gemacht und Dir gleich die Lösung unter die Nase gerieben? Los, sag mal … Du darfst auch AfD, FDP oder SPD sagen. Da ist kein Unterschied…“

Dazu nun noch etwas „Über den Mut einander die unzumutbaren Wahrheiten zuzumuten“:

Wie schwer es ist, sich auf die Suche nach wahrhaftiger Gerechtigkeit zu begeben und nach ihr zu fragen, um die rechten Antworten zu finden, zeigt Friedrich Schorlemmer, Prediger an der Schlosskirche zu Wittenberg, in seiner Meditation „Über den Mut einander die unzumutbaren Wahrheiten zuzumuten“, vorgetragen auf der Ökumenischen Versammlung für „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“, Dresden, 13. Februar 1988: „Aus Liebe zum Leben, aus Sorge um das Leben, aus Verantwortung für das sind wir hier. Wie sieht diese Welt aus, was ist aus diesem Land geworden – und was wird, wenn es so weitergeht“, fragt Schorlemmer zu Beginn und sagt weiter, „so offen und so ehrlich uns das möglich ist, versuchen wir Rechenschaft zu geben von unserer Ratlosigkeit und Mitschuld, von unserer Hoffnung und unserer Verantwortung.“ Tiefer Weltzweifel greife um sich, kralle sich in uns hinein. Manche seien schon in Verzweiflung versunken. Zu viele verdrängten die bedrängenden Daten, um zu überleben. Ein wenig, solange es eben gehe, nehmen sie, nehmen wir teil an den Segnungen des Lebens. Man lebte doch noch, und es gehe einem noch gut. Doch der Wettlauf zwischen kriegerischer und friedlicher, zwischen sehr plötzlicher und ganz allmählicher Selbstzerstörung werde weiter südlich durch Verhungern vorzeitig entschieden. Was für uns Gefahr, sei für Millionen schon Realität: elendes Verlöschen. Der Überfluss produziere den Mangel. Der Lebenshunger sei zur Verbrauchergier geworden. Das Sicherheitsbedürfnis schaffe sich das Zerstörungspotential. Aus Angst werde Angst gemacht. Die Überlebenssorge habe auch zu mutigem Umdenken geführt. Aber man dürfe es nicht verschweigen: „Die Überlebensvernunft, kaum hat sie einen schmalen Streifen Zukunft in die düstere Gegenwart geschoben, gerät sie schon wieder unter die Räder der Systemzwänge.“

Und auch noch dazu mein Gedicht: „Antwort fragt mit neuem Blick“

Nach allem aus und ein des Tages wird ganz sacht bald Ruhe sein, liegt auf der Stadt die Nacht. Und zwischen gelben Lichtern wird nun Dunkelheit und neben Bitternis Geborgenheit.
Die Welt in Raum und Zeit, jeweils geritzt ein Stück, wird doch bereit. Antwort fragt mit neuem Blick. Und unzertrennlich sind Gemeinsamkeit und Streit. Und rastlos suchen wir Zufriedenheit.
Erst nach Erfolg und Angst wird Stille. Warm und weich folgt Zärtlichkeit, liegt Haut an Haut sogleich. Und umschlungen suchend folgt nun Glücksgewinn und im Genuss erwärmt uns Menschensinn.
Nach allem aus und ein des Tages wird ganz sacht bald Ruhe sein, liegt auf der Stadt die Nacht. Und zwischen gelben Lichtern wird nun Dunkelheit und neben Bitternis Geborgenheit.
Zwischen Liebe und Zorn, Neugier und Trotz bewegt sich die Lebendigkeit des einzelnen Menschen, der den anderen braucht um wahrhaftig selbsterhaltend wirken zu können.

„Hey, Du. Ich bin’s, der Populist Deines Vertrauens!“- Diese Menschen sind Berater, denen hauptsächlich das Geld wichtig ist und nicht das wichtig Gute, Notwendige und Mögliche erklärt und anbindet.

Mehr Demokratie bedeutet vor allem Entscheidungsfindungen durch das Zusammenführen der Kompetenz der Betroffenen und der Macher zu fundieren. Nur so können notwendige Veränderungen in der Gesellschaft richtig erkannt und zielorientiert durchgesetzt werden. Da es in der Politik immer um die Durchsetzung von Interessen oder deren Ausgleich geht, muss es in jedem Fall, um wahrhaftiger Gerechtigkeit möglichst nahe zu kommen, darum gehen, ob durch die jeweils zu beschließenden Entscheidungen ein von allen Beteiligten anerkannter Nutzen stimuliert werden kann.
Nicht das Maximum, das die einen durchsetzen wollen und auch nicht das Minimum, das den anderen zugestanden werden soll, sollte das angestrebte Ergebnis von Debatten, Verhandlungen oder anderen demokratischen Auseinandersetzungen vor Entscheidungsfindungen sein, sondern ein alles erfassendes Optimum. Allerdings muss hierbei auch unbedingt bedacht werden, dass es vom Entwicklungsstand der gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse abhängt, wer sich entsprechend seiner Befindlichkeiten und seiner Ansprüche letztendlich durchsetzen kann und wer nicht. In vielen Fällen muss erst einmal um die Bedingungen, die es ermöglichen ein gerechtes Optimum auf demokratischem Wege zu erreichen, gerungen werden. Demokratie herrscht, wenn die von Entscheidungen betroffenen die Macher direkt wählen können, wenn sie direkt über ihre Befindlichkeiten mitbestimmen und wenn sie an der Gestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens direkt mitwirken können.

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