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Meinung

Kulturtradition: Liebe in Kolonialstil?

Nach dem Afrikaner „zivilisieren“ wir jetzt also den Araber? Bei der Fußball-WM in Katar wird eine europäische Kulturtradition gepflegt, von der ein aufgeklärter Mensch nichts wissen will.

Bei der Fußball-WM in Katar wird eine europäische Kulturtradition gepflegt, von der ein aufgeklärter Mensch nichts wissen will.

„Es mag wunderbar klingen, aber mit jedem Volksstamm in Kamerun ist es, solange er noch nicht die deutschen Waffen gespürt hat und weiß, dass der Gouverneur der Stärkere ist, gerade wie mit einem jungen Hund, der noch nicht die Staupe gehabt hat.“

– Hans Dominik, Major und Kommandant der Kaiserlichen ‚Schutztruppe‘ für Kamerun; in der kollektiven Erinnerungskultur der kolonisierten Bevölkerung „der Schreckensherrscher von Kamerun“ (1)

Wer die Zustände einer Nation ablehnt, sollte dieses Land nicht besuchen. Das ist eigentlich ganz einfach und gilt nicht nur für Katar.

Wer seinen Partner gerne und unbedingt in der Öffentlichkeit leidenschaftlich küsst, sollte nicht unbedingt nach Südkorea (2) reisen. Wer gerne und unbedingt fremde Menschen fotografiert, sollte nicht unbedingt in Regionen losziehen, wo die Menschen glauben, das Fotografieren stehle ihre Seelen oder wo es gegen religiöse Vorschriften verstößt (3). Andere Länder, andere Sitten halt. Dann trotzdem hinzureisen und dem Gastgeber die eigenen Regeln aufdrängen wollen, ist meines Erachtens absolut „vorgestern“.

Wir nehmen zwar gerne und im Zweifelsfall auch mit Bückling Katars Rohstoffe, aber es soll gefälligst unsere Kulturregeln annehmen. Nach dem Afrikaner „zivilisieren“ wir jetzt also den Araber? Solch einen mit Hochmut zelebrierten, geschichtsvergessenen und moralisch-geistigen Totalausfall aller Initiatoren und Mitläufer, die eine Fußballweltmeisterschaft als Bühne eines erschreckenden Narzissmus (4) wählten, kann ich beim besten Willen nicht als aufklärerische oder emanzipatorische Aktion wahrnehmen.

Kritische Worte zum deutschen Auftreten gegenüber arabischen und anderen Nationen. (Foto: Jaqueline Chantalle Müller)

Zudem: Was hier nicht nur zu dieser WM daneben läuft, – aber zu dieser ganz besonders – ist doch nun schon länger bekannt. Wo war da ein vergleichbarer Aktionismus festzustellen? Und auch hier bemerke ich eine schlechte Tradition: Zuerst manövriert man alle in eine unangenehme oder sogar üble Lage hinein, um in dieser eigentlich unnötigen Situation ausgiebig zu mahnen oder sich gar als Retter aufzuspielen. Das ist doch einfach nur schlechtes Kasperletheater – wobei die Negativfolgen leider alles andere als banal sind.

Dazu passt der Text „Von Sklavenhandel und Zivilisierung“ über europäische Kolonialgeschichte (5), bei dem ich mich an manchen Stellen frage, warum das nicht tatsächlich nur Geschichte, sondern weiterhin traurige Gegenwart ist:

„(…) In dieser Phase bemühten sich Europäer noch stärker, den Kolonialismus mit Hilfe der Werte der Aufklärung und vermeintlich objektiver Prinzipien der modernen Wissenschaften ideologisch zu untermauern. Viele Vertreter und Beteiligte des kolonialen Projektes verspürten zwar eine Art natürlichen Herrschaftsanspruch. Doch sorgten die Kolonisierten ebenso wie Kritiker im „Mutterland“ dafür, dass der Kolonialismus oder zumindest zentrale Aspekte davon, etwa die Gewalt, immer wieder neu legitimiert werden mussten. Die Zivilisierungsmission war die wohl einflussreichste Rechtfertigungsideologie des Kolonialismus im 19. und 20. Jahrhundert. Sie besagte, dass die Kolonisierten zu primitiv seien, um sich selbst regieren zu können, jedoch zur Besserung fähig seien.“

Quellen und Anmerkungen

(1) Projekt Afrika Hamburg: Zitate von Kolonialakteuren und -gegnern, Kommentare zu Kolonialdenkmälern. Verfügbar auf http://www.afrika-hamburg.de/zitate.html (abgerufen am 28.11.2022).

(2) Koreanisch-lernen.net: Absolute No-Gos – Mach diese Dinge nicht in Südkorea! Auf https://koreanisch-lernen.net/korea-kultur-unterschied-no-go (abgerufen am 29.11.2022).

(3) Selket’s Ägypten: Fotografieren – Was darf ich, was nicht? Auf https://www.selket.de/reise-nach-aegypten/reisetipps/fotografieren-in-aegypten-was-darf-ich-was-nicht (abgerufen am 29.11.2022).

(4) MSD Manual (Dezember 2019): Narzisstische Persönlichkeitsstörung (NPS). Auf https://www.msdmanuals.com/de-de/profi/psychische-störungen/persönlichkeitsstörungen/narzisstische-persönlichkeitsstörung-nps (abgerufen am 28.11.2022).

(5) Welt Sichten (2.11.2020): Von Sklavenhandel und Zivilisierung. Auf https://www.welt-sichten.org/artikel/38275/kolonialismus-von-sklavenhandel-und-zivilisierung (abgerufen am 28.11.2022).


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

Alles beginnt mit dem ersten mutigen Schritt!

Journalismus hat eine Zukunft, wenn er radikal neu gedacht wird: Redaktion und Leserschaft verschmelzen zu einem Block – der vierten Gewalt. Alles andere ist Propaganda.

Fotos: Jaqueline Chantalle Müller

4 Antworten auf „Kulturtradition: Liebe in Kolonialstil?“

Volle Zustimmung! Dieser Moralismus ist schon im eigenen Land unerträglich. Auf andere Länder übertragen, ist es überheblicher, verächtlicher, gewinngeiler Kolonialismus. Er soll uns – die moralisch „Besseren“ – zugleich vergessen lassen, dass wir hierzulande in einer Klassengesellschaft leben, in der die „Besseren“ uns ausbeuten, unterdrücken und gefügig machen.

Hochmut kommt vor dem Fall und am deutschen Wesen soll die Welt genesen, so lange die Schleimspur zu Amerika nicht unterbrochen wird.

Fakten werden nicht mehr mit der Realität abgeglichen, sondern bekommen ein Dislike, ein Shitstorm und werden dann weggewischt. Wenn die Nancy als einzige eine Armbinde trägt, muss man sich schon fragen, ob aus Solidarität mit wem, oder weil die Deutschen damals schon Armbinden liebten, um ein Signal ihrer Überheblichkeit zu senden. Aber seine/ihre ;-) Dummheit öffentlich zur Schau tragen ist ja heute en vogue, damit sind nicht nur Armbinden gemeint.

„die deutschen“ sind jetzt bei den weltspielen nicht mehr dabei, mit oder ohne armbinden + weltgenesend, also reden wir lieber nicht mehr davon … (wir sind und bleiben auf allen gebieten, auch politischen, halt meister im sich-selbst-versenken)

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