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Himmlischer Frieden: Aluhüte auf dem Tian’anmen!

Sie wummern jeden Tag: die Abrissbirnen der Zivilisation. Waren es noch vor wenigen Tagen die Empörungswellen über das Gastgeberland der Fußballweltmeisterschaft Katar, ist es jetzt einmal wieder China.

Sie wummern jeden Tag: die Abrissbirnen der Zivilisation. Waren es noch vor wenigen Tagen die Empörungswellen über das Gastgeberland der Fußballweltmeisterschaft Katar, ist es jetzt einmal wieder China.

Die Komplexität deutschen Handelns, die von einigen hämischen Geistern auch Doppelmoral genannt wird, bildet dabei den Leitfaden.

So wie es eine der ständig nörgelnden Gazetten verbreitete, hat die jetzige Regierung seit ihrem Amtsantritt insgesamt 21 Waffenexporte nach Katar genehmigt. Das Land, dies sei nebenbei bemerkt, führte bis 2017 zusammen mit Saudi Arabien einen völkerrechtswidrigen Krieg im Jemen (1). Die Anzahl der Toten dort übersteigt bei Weitem, das nur als Vergleichsgröße, die beklagenswerten Fälle in der Ukraine (und schon zeigt sich zudem eine rassistische Komponente).

Gute Proteste, böse Proteste und Persilscheine

Aber, und das ist das System, wie schön, wenn man sich moralisch echauffieren kann über eine von einem Sportler bei einem Wettkampf getragenen Armbinde. Das wäre, kühl betrachtet, einfach nur ein Akt einfältiger Propaganda, wenn es nicht – als System und kontinuierlich – dazu beitrüge, eine gesamte Zivilisation in Schutt und Asche zu legen. Wer da mitmacht, gesellt sich zum Barbarentum.

Und nun sind es die Berichte aus China. Soweit es verifizierbar ist, demonstrieren dort Hunderte, vielleicht sind es auch einige Tausend Bürgerinnen und Bürger gegen die strikten staatlichen Corona-Maßnahmen. Das kann man nachvollziehen und es dokumentiert, dass dies zu dem Bild einer monolithischen Diktatur nicht so ganz passt. Hinzu kommt, dass sogar westliche Beobachter von einer deeskalierenden Vorgehensweise der Sicherheitsorgane sprachen. Doch darum geht es nicht. Viel interessanter ist die Darstellung und Bewertung derer, die dort protestieren.

Während sämtliche Proteste gegen die hiesigen Corona-Maßnahmen der Regierung letztendlich als das Werk von Verschwörungstheoretikern, Aluhüten, Schwurblern, Rechtsradikalen und Feinden der Demokratie dargestellt wurden, nahm der Protest in China, da es sich um den neu ausgerufenen strategischen Feind handelt, den Charakter einer wahren Demokratiebewegung an.

Während in unseren Breitengraden nur abgefuckte alte Loser auf die Straße gingen, sind es in China nun junge, gebildete Menschen, denen das Regime die Wahrheit nicht mehr vorenthalten kann.

Selbstverständlich existieren Unterschiede in der Politik. Und es geht nicht darum, die chinesischen Verhältnisse mit den wenigen Informationen, die vorliegen, von einem hohen und wie auch immer moralisch einwandfreien Standpunkt zu bewerten. Es geht um den Persilschein, den die hiesige Politik reklamiert, wenn sie alles, am besten beschrieben als eine zumindest in den letzten 60 bis 70 Jahren als gegeben gehaltene demokratische Konstitution, verstümmelt. Und wenn sie eine Haltung, die aus den beiden großen Kriegen des letzten Jahrhunderts entsprang, schreddern will wie überflüssigen Baumüll.

Der Tian’anmen und der gute Mensch von Sezuan

Kleine Ereignisse wie die Berichterstattung über die jetzigen Proteste in China zeigen die ganze Verkommenheit und Dekadenz der Nachrichtenbranche. Man stelle sich vor, es würde jetzt von Schwurblern, Verschwörungstheoretikern und Aluhüten gesprochen, wenn von den dortigen Verhältnissen geredet würde.

Das ist so grotesk gut, dass es sich ein Bertolt Brecht mit seiner Verfremdungstheorie hätte ausdenken können (2). Der sprach bekanntlich davon, dass dem Zuschauer Mechanismen, die in einen exotischen Rahmen gefasst würden, viel begreiflicher gemacht werden könnten, als würde man das Gewohnte darstellen. Der gute Mensch von Sezuan lässt grüßen (3).

Es wird Zeit, den zitierten Abrissbirnen der europäischen Zivilisation, die allen Ernstes noch davon sprechen, Nachrichten zu übermitteln, die Überschriften entgegenzuschleudern, die ihre Methode überführen. Die heutige lautet: „Aluhüte auf dem Tian’anmen!“

Quellen und Anmerkungen

(1) Eine von Saudi-Arabien angeführte Militärallianz, der Ägypten, Bahrain, Katar (bis 2017), Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate, Jordanien, Marokko (bis 2019), Sudan und Senegal angehören und die unter anderem von den Vereinigten Staaten von den USA, Frankreich und Großbritannien logistisch unterstützt wird, führt seit 2015 Krieg im Jemen. Diese wird in der Regel verharmlosend als „Militärintervention“ bezeichnet oder als „militärische und politische Intervention“ umschrieben.

Der Krieg begann am 26. März 2015 (Operation Decisive Storm; deutsch: „Operation Entscheidungssturm“). Nach Angaben der Militärallianz soll durch den Krieg entweder der völlige Zusammenbruch der Regierung des faktisch entmachteten jemenitischen Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi verhindert werden oder aber zumindest ein Sieg der Huthi. Die Huthi, eine politisch Bewegung, die sich im zeitlichen Zusammenhang mit dem Dritten Golfkrieg (Irak-Invasion der USA 2003) radikalisierte und militarisierte, ist eine der Bürgerkriegsparteien im Jemen. Sie soll vom Iran unterstützt werden.

Nach gescheiterten Friedensvereinbarungen brach im Laufe des Jahres 2012 im Jemen ein landesweiter Bürgerkrieg aus. Im Februar 2015 lösten die Huthi das Parlament des Jemen auf und erklärten, dass das „Revolutionskomitee“ die Macht über das Land übernehmen werde. Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi wurde unter Hausarrest gestellt, konnte aber nach Saudi-Arabien fliehen. Bereits seit März 2015 flog die Militärallianz Angriffe auf Ziele im Jemen. Im September 2020 berichtete die in Österreich erscheinende Zeitung „Die Presse“, dass das Emirat Katar die schiitischen Huthi-Rebellen angeblich finanzieren soll. Siehe: https://www.diepresse.com/5861615/wie-katar-den-krieg-im-jemen-anheizt (link abgerufen am 30.11.2022).

(2) Der Verfremdungseffekt (auch bekannt als V-Effekt) ist ein literarisches Stilmittel und Hauptbestandteil des epischen Theaters nach Bertolt Brecht. Eine Handlung wird durch Kommentare oder Lieder so unterbrochen, dass beim Zuschauer jegliche Illusionen zerstört werden. Dadurch kann er, so die Theorie, eine kritische Distanz zum Dargestellten einnehmen. Im Wesentlichen werden dem Betrachter beim Verfremdungseffekt vertraute Dinge in einem neuen Licht gezeigt, wodurch Widersprüche in der Realität sichtbar gemacht werden sollen, um eine kritischere und bewusstere Wahrnehmung des Gezeigten zu ermöglichen.

(3) Das Theaterstück „Der gute Mensch von Sezuan“ von Bertolt Brecht entstand in den Jahren 1938 bis 1940 unter Mitarbeit der Schriftstellerinnen Ruth Berlaus und Margarete Steffins. Es wurde am 4. Februar 1943 am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt (Regie Leonard Steckel) und 1953 erstmals als Buch veröffentlicht.

(4) Der Tian’anmen ist ein Platz im Zentrum von Peking (auch Beijing), der Hauptstadt der Volksrepublik China. Der Tian’anmen-Platz wurde unter dem Namen Platz (am Tor) des Himmlischen Friedens bekannt im Zusammenhang mit dem sogenannten Tian’anmen-Massaker. Am 3. und 4. Juni 1989 wurden Proteste der insbesondere studentisch geprägten Demokratiebewegung im Zentrum Pekings gewaltsam niedergeschlagen. Nach Verhandlungen zwischen dem Militär, das gegen die Demonstranten vorging, und den Studenten wurde der Tian’anmen friedlich geräumt. Es soll allerdings in anderen Teilen Pekings zu Gewalt gekommen sein. Je nach Quelle sollen dabei mehrere Hundert bis zu mehreren Tausend Menschen ihr Leben verloren haben.


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

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Journalismus hat eine Zukunft, wenn er radikal neu gedacht wird: Redaktion und Leserschaft verschmelzen zu einem Block – der vierten Gewalt. Alles andere ist Propaganda.

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Von Gerhard Mersmann

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

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