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Keine Filmkritik: Staatsstreich und Kanonen

Ein Prinz soll zusammen mit einem ehemaligen Oberst der Bundeswehr und einer Richterin geplant haben, den Bundestag zu stürmen und die Republik ad acta zu legen. 3000 Polizisten sollen deshalb im Einsatz gewesen sein, rund 50 Personen wurden festgenommen. Das klingt abenteuerlich.

Als ich vorgestern Morgen die Meldung aus dem Radio vernahm, musste ich unverzüglich an die immer wiederholten Worte eines alten Freundes denken. Der betonte bei vielen Gelegenheiten, dass die Deutschen gar nicht zur Demokratie taugten und er deshalb eine aufgeklärte Monarchie für dieses Land als weitaus passender hielt. Das war nie so ganz ernst gemeint, aber eben auch ein bisschen doch.

Nun war zu vernehmen, dass ein Prinz Heinrich XIII. zusammen mit einem ehemaligen Oberst der Bundeswehr und einer Richterin geplant hätte, den Bundestag zu stürmen und die Republik ad acta zu legen (1, 2, 3).

Insgesamt 3000 Polizisten seien im Einsatz gewesen, um insgesamt circa 50 Personen festzunehmen, von denen 25 immer noch in Haft sind. Das klingt, ehrlich gesagt, sehr abenteuerlich.

Kanonen und Spatzen

Zum einen ist es der Glaube derer, die in das Fadenkreuz der Ermittlungsbehörden geraten sind. Sollte es so sein, dass besagter Prinz Heinrich und seine Entourage aus überschaubaren Größen dieses Land aus den Fugen bringen wollten, dann ist ihnen eine gewaltige Portion von Wahn und Selbstüberschätzung zu attestieren. Und damit ist auch der Vorschlag von besagtem alten Freund vom Tisch, der von aufgeklärter Monarchie sprach.

Jener Prinz, dessen Schloss wie in einer Posse auch noch Waidmannsheil genannt wird, ist davon so weit entfernt wie der Deutsche Fußball-Bund von einer tiefgreifenden Reform.

Zum anderen rechtfertigt der Aufwand, mit dem das Innenministerium unter der Leitung von Nancy Faeser auf diesen irregeleiteten Haufen losging, das Bild der Kanonen, mit denen auf Spatzen geschossen wird.

Da die gute Frau jedoch ein Faible für eingängige Bilder hat (4), ist anzunehmen, dass die Botschaft nicht an die monarchistischen Hasardeure, sondern an die Teile der Gesellschaft ging, die mit der momentanen Politik unzufrieden sind und sich überlegen, wie es möglich wäre, diesen für sie nicht mehr zu ertragenden Albtraum zu beenden.

Und das erzeugte Bild ist stark, sehr stark. Dass (nach der jüngeren Geschichte dieser Republik) böse Zungen behaupten, die Sache könne auch mittels dem bewährten Einsatz von V-Leuten inszeniert gewesen sein, wundert wiederum nicht. Semper aliquid haeret, wie man schon im alten Rom wusste: Irgendetwas bleibt immer hängen.

Haltet den Dieb!

Und wem das, ich meine die Reaktion, dann doch zu weit geht, der möge sich noch einmal das Vorgehen des selbst ernannten demokratischen Regulativs, sprich der Presse, auf die große Panzerschau des Staates angesichts des Zwergenaufstandes ansehen. Nicht eine kritische Hinterfragung der Verhältnismäßigkeit! Claque bleibt Claque (5). Da sind neue Frisuren wichtiger als die Beherrschung des kritischen Handwerks!

Ein anderer Freund ging mit dem Szenario schwer ins Gericht. Er führte aus, dass die Geschichte in Gänze eine Inszenierung sei, weil den politischen Eliten mittlerweile klar sei, dass sie sich mit ihrem Handeln ins Abseits manövriert hätten und es über kurz oder lang zu schweren Konfrontationen kommen wird. Nach dem Prinzip „Haltet den Dieb“ versuchten sie nun, von ihren eigenen Vergehen abzulenken.

Es spricht für ihn, dass er dieser These noch hinzufügte, er hätte nie gedacht, dass er noch einmal als Verschwörungstheoretiker enden würde. Ob er mit dieser Aussage übertrieben hat, wird sich noch herausstellen.

Zumindest sind auch diese Geschehnisse wie viele andere, mit denen wir täglich konfrontiert werden, ein triftiger Grund, sich vom Glühweinstand fernzuhalten und bei klarem Verstand zu bleiben. Und: Dies ist ein Kommentar und keine Filmkritik!

Quellen und Anmerkungen

(1) Frankfurter Allgemeine (7.12.2022): Wer ist Heinrich XIII. Prinz Reuß? Verfügbar auf https://www.faz.net/aktuell/politik/reichsbuerger-razzien-wer-ist-heinrich-xiii-prinz-reuss-18518271.html (abgerufen am 9.12.2022).

(2) Pressemeldung Generalbundesanwalt (7.12.2022): Festnahmen von 25 mutmaßlichen Mitgliedern und Unterstützern einer terroristischen Vereinigung sowie Durchsuchungsmaßnahmen in elf Bundesländern bei insgesamt 52 Beschuldigten. Verfügbar auf https://www.generalbundesanwalt.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/aktuelle/Pressemitteilung-vom-07-12-2022.html?nn=478184 (abgerufen am 9.12.2022).

(3) The Guardian (8.12.2022): Germany assesses credibility of rightwing coup plot amid further arrests. Verfügbar auf https://www.theguardian.com/world/2022/dec/08/germany-assesses-credibility-of-rightwing-coup-plot-amid-further-arrests (abgerufen am 9.12.2022).

(4) Soccer (23.11.2022): Germany’s Nancy Faeser wears the OneLove armband, sits next to Infantino. Verfügbar auf https://en.as.com/soccer/germanys-nancy-faeser-wears-the-onelove-armband-sits-next-to-infantino-n/ (abgerufen am 9.12.2022).

(5) Eine Claque ist eine organisierte Gruppe von professionellen Beifallsspendern. Die Mitglieder einer Claque werden Claqueure genannt. In der Antike war es üblich, Menschen zu engagieren, die bei dramatischen Aufführungen applaudierten. So soll beispielsweise Kaiser Nero für eine seiner Aufführungen mehrerer Tausend Soldaten als Claqueure eingesetzt haben. Der französischen Dichter Jean Daurat (1508-1588) gilt als Entwickler der modernen Claque. Er kaufte Eintrittskarten für die Aufführung eines seiner Stücke und verschenkte sie gegen das Versprechen von Beifall. Der „gekaufte Applaus“ wurde 1820 systematisiert, als in Paris eine Agentur für die Vermittlung von Claqueuren gegründet wurde.


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

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Journalismus hat eine Zukunft, wenn er radikal neu gedacht wird: Redaktion und Leserschaft verschmelzen zu einem Block – der vierten Gewalt. Alles andere ist Propaganda.

Foto: Cederic Vandenberghe (Unsplash.com)

Von Gerhard Mersmann

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

5 Antworten auf „Keine Filmkritik: Staatsstreich und Kanonen“

Hallo Dr. M., auch Ihr durchaus bedenkenswerter Kommentar erinnerte mich als Waders Tankerkönig 2, Der Putsch, Hannes erzählt dort eine nette, im Kern auch realitätsbezogene Geschichte aus den frühen 1970er Jahren, aufklärend und unterhaltsamen, also anhören und wenigstens grinsen oder humorlos weiter… Gruß, BJ

Einfach nur gruselig. Niemanden scheint es zu interessieren, ob diese ganze PR-Staatsterror-Aktion gegen Rentner, die in einer Traumwelt leben, überhaupt gerechtfertigt war. Im Zweifel für den Angeklagten, aber welche Taten machten sie zu Angeklagten?!

Da kommt mir doch ein Spruch, von einem Altkanzler in den Sinn, zumal nun auch noch die SPD-Republik-Bürgerin Nancy Faeser für eine Beweislastumkehr plädiert, also, dass man seine Unschuld demnächst beweisen muss, wenn der Staat in irgendeiner irrationalen, dystopischen Weise übergriffig werden sollte.

Die schlimmste Art der Terrors ist der Staatsterror“ – Helmut Schmidt

Sie erwähnen den Begriff „Demokratie“. Was ist überhaupt Demokratie?
80 Prozent der Wähler wählt Wohlstand.
Die Wirtschaft sagt ihnen, was Wohlstand ist. Wohlstand ist kaufen. Denn die Wirtschaft braucht Konsum, um wachsen zu können. Sie und ihre Medien verschweigt ihnen, dass Wohlstand ein ruhiges und angenehmes Leben ist.
Wenn einmal weniger gekauft wird, dann heißt es in den Medien: Es geht uns schlecht.
Haben die Wähler eine Alternative?
Die Alternative wäre, Nahrung aus biologischem Anbau zu kaufen und öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Bio ist aber teuer und der ÖPNV unzuverlässig.
Und unsere gewählten Politiker sagen, wenn wir nicht genug kaufen, dann werden wir unsere Arbeit verlieren und unter der Brücke landen.
Inzwischen weiß jeder, dass wir mit diesem Verhalten den Ast absägen, auf dem wir sitzen. Aber der Großteil der Menschen wird immer wieder diese Politiker wählen, weil sie Wohlstand versprechen.
Das ist Demokratie.
Und es gibt einige wenige Menschen, die sich nicht damit zufrieden geben wollen. Einige kleben sich an Autobahnen fest, einige demonstrieren auf den Straßen.
Und diese Menschen stören den Lauf der Wirtschaft.

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