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Marx(isti)sche Religionskritik

„Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.“ – Karl Marx

Ein methodischer Grundhinweis von Richard Albrecht.

Opium des Volks

Als ich im Frühjahr 1962 das Zeugnis der mittleren Reife von der Wissenschaftlichen Oberschule für Jungen in Harburg erhielt, war meine Kenntnis des Marxismus (-Leninismus) auf drei Kernsätze beschränkt. Einer dieser war die Formel von der Religion als „Opium des Volks“. In ihr sollte ausgedrückt werden, dass das Volk durch Religion besänftigt werden soll, um unerträgliches Leben ertragen zu können. In diesem Sinn lautet der Kernsatz der Religionskritik des jungen Marx:

„Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.“ (1)

Religionskritik

Eine aus meiner Sicht so zentrale wie typischerweise unbeachtete Passage zur marx(isti)schen Religionskritik findet sich, in einer (über)langen Fußnote versteckt, im wissenschaftlichen Hauptwerk von Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie (Band 1, 1867).

Im Zusammenhang (s)einer ersten Annäherung an die historische Entwicklung des industriellen Kapitalismus im Allgemeinen und an die geschichtlich ‚moderne‘ Form der (relativen) Mehrwertproduktion im Besonderen skizziert Marx zunächst sein Verständnis von Technologie (2) als Prozess, der „das aktive Verhältnis des Menschen zur Natur enthüllt“, erwähnt weiters auch die „materielle Basis“ aller Religionsgeschichte und merkt verallgemeinernd kritisch an:

„Es ist in der Tat viel leichter, durch Analyse den irdischen Kern der religiösen Nebelbildungen zu finden, als umgekehrt, aus den jedesmaligen wirklichen Lebensverhältnissen ihre verhimmelten Formen zu entwickeln. Die letztere ist die einzig materialistische und daher wissenschaftliche Methode.“ (3)

Damit gibt Marx auch über seine Religionskritik hinaus einen wichtigen Hinweis auf jede historisch-materialistische wissenschaftliche Methode.

Gesellschaft

In seinen Vorarbeiten zum ersten Band zu „Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie“ (1867) betonte Karl Marx: Gesellschaft besteht nicht aus vereinzelten Einzelnen und „nicht aus Individuen, sondern drückt die Summe der Beziehungen, Verhältnisse aus, worin diese Individuen zueinander stehn.“ (4)

Diese auch alle marxistische Religionskritik leitende Vorstellung von Gesellschaft als System reflexiv handelnder Menschen beruht auf dem historisch-materialistischen Grundsatz von Marx und Engels, die betonten:

„Nicht das Bewußtsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewußtsein.“ (5)

Quellen und Anmerkungen

(1) Karl Marx: Einleitung zur „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ [1844]; in: Marx-Engels-Werke Band 3 (= MEW 3). Berlin 1960: 378ff.

(2) ausführlicher Richard Albrecht: Technology Within Every-Day-Life [2002]. Auf http://www.hausarbeiten.de/faecher/hausarbeit/soi/25189.html (abgerufen am 2.1.2023).

(3) Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band: Der Produktionsprozess des Kapitals [1967]; in: MEW 23: 391ff., hier 392f., Anmerkung 89.

(4) Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie [Rohentwurf 1857/58]. Berlin 1974: 176.

(5) Karl Marx und Friedrich Engels: „Die deutsche Ideologie“ [1845/46]; MEW 3: 27.


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Journalismus hat eine Zukunft, wenn er radikal neu gedacht wird: Redaktion und Leserschaft verschmelzen zu einem Block – der vierten Gewalt. Alles andere ist Propaganda.

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Von Richard Albrecht

Richard Albrecht ist habilitierter Gesellschaftswissenschaftler – Dozent – Publizist. Forschungsansatz The Utopian Paradigm (1991). 2010-2022 Autor des Fachmagazins soziologie heute, 2011-2021 des Netzmagazins trend.infopartisan und 2019-2022 des Netzjournals Neue Debatte.

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