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Rezension

Als Quelle geeignet: Bis alles in Scherben fällt

Als ehemaliger Mitarbeiter der Staatssicherheit der DDR weiß Klaus Eichner ganz genau, wie Politik im Verborgenen arbeitet. Er kennt die Grauzonen von Aktion, stillen Vereinbarungen und bewusstem Ignorieren aus eigener Praxis. Sein Buch „Bis alles in Scherben fällt – Der Kampf der USA um eine neue Weltordnung“ ist als Lektüre unbedingt zu empfehlen.

Wer dem Satz folgt „nicht meine Quelle“, verstellt sich selbst den Weg zur Erkenntnis. Leider leben wir in Zeiten, in denen diese Äußerung immer wieder zu hören ist. Die Motive, sich vor Lektüre zu schützen, mögen unterschiedlich sein: Mal ist es Selbstschutz, mal nackte Angst, mal eine versteckte Aggression Im Grunde genommen schaden sie einem selbst und sie führen immer wieder auch ins Absurde. Wer kennt sie nicht, die Menschen, die nicht in die USA reisen wollen, weil dieser oder jener Präsident im Amt ist?

Kampf um die Weltordnung

Der Autor Klaus Eichner gehört mit Sicherheit zu jenen, die gerne per se als Quelle abgelehnt werden. Seine Vita sagt vieles aus und genügt, um zu stigmatisieren: Studium an der Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit, Arbeit in der Spionageabwehr der DDR, Chefanalytiker für den Bereich US-Geheimdienste bei der Hauptverwaltung Aufklärung. Die Liste genügt, um bei vielen die innere Blockade auszulösen. Dennoch sei sein Buch „Bis alles in Scherben fällt – Der Kampf der USA um eine neue Weltordnung“ unbedingt empfohlen.

Klaus Eichner: Bis alles in Scherben fällt (Quelle: Gerhard Mersmann/YouTube)

Da ist jemand am Werk, der weiß, wie Politik im Verborgenen arbeitet und der die Grauzonen von Aktion, stillen Vereinbarungen und bewusstem Ignorieren aus eigener Praxis genau kennt. Die 130 Seiten umfassende Argumentation, die aus drei kleineren Abhandlungen besteht, beginnt mit dem Jahr 1989 und dem vermeintlichen Ende des Kalten Krieges.

Von 1989 bis zum Krieg in der Ukraine

Dass ein ehemaliger Offizier der DDR die Geschichte anders sieht, als es in den Siegerjournalen steht, versteht sich von selbst. Und so zeigt Eichner auf, wie – entgegen allen öffentlichen Beteuerungen – die USA selbst in der Stunde Null damit begonnen haben, Stück für Stück die politische, geheimdienstliche und militärische Expansion nach Osten voranzutreiben. Der Autor kennt die Doktrin der USA, der sie folgt, um ihre globale Dominanz, die ins Wanken geraten ist, zu sichern. Dabei wird deutlich, dass die Europäische Union selbst kaum über einen Selbstbehauptungswillen wie die Fähigkeit dazu verfügt, weil sie keine Strategie besitzt.

Der Autor setzt das Puzzle von 1989 bis zum offenen Kriegsausbruch im Februar 2022 in der Ukraine zusammen und plötzlich macht das alles Sinn. Selbstverständlich nicht in Bezug auf die Ordnung der Vereinten Nationen und selbstverständlich nicht aus der Perspektive der Koexistenz verschiedener Zivilisationen. Aber aus Sicht der US-amerikanischen Strategie der Dominanz sehr wohl. Eine spannende wie brutal deutliche Abhandlung. Unbedingt als Quelle geeignet.

Und wer diesem ehemaligen (?) Kommunisten keinen Glauben schenken will, der sollte vielleicht komplementär zu Eichners Buch das des ehemaligen Präsidentenberaters John Bolton (1) lesen: Der Raum, in dem alles geschah – Aufzeichnungen des ehemaligen Sicherheitsberaters im Weißen Haus. Da breitet nämlich ein ehemals ranghoher ultra-konservativer Republikaner in aller Ausführlichkeit aus, wie man sich am Potomac die Wahrung der Weltherrschaft vorstellt.

Informationen zum Buch

Bis alles in Scherben fällt

Der Kampf der USA um eine neue Weltordnung

Autor: Klaus Eichner

Genre: Sachbuch

Sprache: Deutsch

Seiten: 130

Erscheinung: Herbst 2022

Verlag: Edition Ost

ISBN: 978-3-360-02807-5

Über die Autoren

Klaus Eichner (Jahrgang 1939) studierte in der Deutschen Demokratischen Republik an der Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit und später Jura an der Humboldt-Universität Berlin. Eichner arbeitete ab Ende der 1950er-Jahre in der Spionageabwehr. 1974 war er bei der Hauptverwaltung Aufklärung und tätig als Analytiker für westliche Geheimdienste (Gegenspionage).

Nach der Wiedervereinigung studierte Eichner nochmals Ökologie und Umweltschutz. Von 1990 bis 2003 war er Mitglied der PDS (Partei des Demokratischen Sozialismus). Eichner veröffentlichte zahlreiche Bücher wie zum Beispiel zusammen mit Gotthold Schramm „Konterspionage. Die DDR-Aufklärung in den Geheimdienstzentren“ (2010) und „Imperium ohne Rätsel. Was bereits die DDR-Aufklärung über die NSA wusste“ (2014). Im Herbst 2022 erschien sein Sachbuch „Bis alles in Scherben fällt – Der Kampf der USA um eine neue Weltordnung“.

Quellen und Anmerkungen

(1) John Robert Bolton (Jahrgang 1948) ist Politiker und Diplomat. Bolton, von August 2005 bis Dezember 2006 Botschafter der USA bei den Vereinten Nationen, war vom 9. April 2018 bis zu seinem Rücktritt am 10. September 2019 Nationaler Sicherheitsberater für US-Präsident Donald Trump. 2020 veröffentlichte Bolton sein Buch „The Room Where It Happened: A White House Memoir“. Versuche der US-Regierung unter Donald Trump die Veröffentlichung gerichtlich zu verhindern, scheiterten. In Deutschland erschien das Werk im gleichen Jahr unter dem Titel „Der Raum, in dem alles geschah: Aufzeichnungen des ehemaligen Sicherheitsberaters im Weißen Haus“.


Ein ruhender Mensch auf einem weißen Bett. (Foto: Ahmet Ali Agir, Unsplash.com)

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Foto und Video: Karsten Winegeart (Unsplash.com) und Gerhard Mersmann

Von Gerhard Mersmann

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

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